Der heilige Alltag


Nichts an diesem Alltag ist heilig. Bis er uns heilig wird! Das ist eine Realisation, die nicht zu verstehen ist, bis sie gelebt wird. Ein Alltag, in dem wir nicht sein und ankommen können, kann kein heiliger Alltag sein. In welchem Alltag wir das können, können wir nur entdecken, indem wir uns in diesem Alltag wahrnehmen. Was uns zu uns selbst und damit zugleich in den Alltag führt, in dem ich leben möchte, weil in ihm nichts von dem, was sich in mir spürt, zurückgelassen werden muss. Und damit gehe ich als dieses lebendige Wesen in „meinem“ Alltag auf. Von dem ich immer weniger zu unterscheiden bin. Hier komme ich zu mir.

 

Es geht also nicht darum, mich im Alltag an ein Ideal anzugleichen. Das nichts mit mir zu tun hat – und damit nichts anderes bewirkt als mich vor mir selbst undeutlich zu machen. Wodurch ich immer öfter über mich rätsele, womit das, was ich wirklich fühle, nicht zum Vorschein kommen kann. Genau dieser Zwangsmechanismus lässt mich einen Alltag erleben, in dem ich nicht wirklich anwesend bin und mir deshalb „Dinge“ erträume, die es für mich nicht gibt. – Und dann ist es eben so: Dann lebe ich nur als lustvoll lebendiger Mensch, wenn ich mich selbst entführe. Und damit atme ich eine Luft, die es nicht gibt. Weil ich in diesem rein erträumten Reich niemals ankommen kann. – Weil in diesem Reich niemand anwesend ist!

 

Solange ich mich selbst nicht wahrnehme, kann ich Dich nicht wahrnehmen

Und ebenso geht es mir mit „meiner Beziehung“. – Was für ein schreckliches Wort! – Solange ich mich selbst nicht wahrnehme, kann ich Dich nicht wahrnehmen. – Und bleibe damit in einer ewigen Projektion, die mich von dir trennt. Und damit von mir. Dann mache ich mir immer wieder etwas vor, statt meine wahren Bedürfnisse zu spüren. – Und ihnen zu folgen. – Zu folgen! Hier ist nichts mehr ausgedacht. Hier wird nicht mehr am anderen „herumgebastelt“. Nein, jetzt betrete ich den Raum. Den Raum meiner selbst. Den Raum, den ich mit dir teilen möchte. Wenn Du mich spürst. Wenn ich Dich spüre. – Damit befinden wir uns am wesentlichen Punkt. Und der ist hier. Hier, wo ich bin. Hier, wo ich atme. Hier, wo ein Herz für mich schlägt. Mein Herz. Und dieses Herz will über sich hinausschlagen. Wenn es das ist, was Du spürst. – Es will sich verbinden, um sich in dieser Verbindung selbst zu feiern.

 

Die wahre Berührung führt in die Blüte. – Eben weil sich die wahre Berührung selbst führt. Ich werde durch diese Berührung zu mir selbst geführt. Und dafür muss es still in mir sein. Dafür muss ich bereit sein. – Das „muss“ ich wirklich wollen. Sonst träume ich einfach immer weiter „irgendwas“. Das wahre Wollen vergegenwärtigt sich dadurch, dass ich bereit bin, dich so zu spüren, wie ich dich spüre. Und wenn ich dich nicht spüren kann, dann hilft alles nichts. Dann haben wir keine Chance. Dann besteht die Heilung darin, einander loszulassen. In diesem Loslassen werden wir uns vielleicht das erste Mal spüren. – Die Vergeblichkeit unseres Bemühens, es doch zu schaffen.

 

Liebe ist keine Arbeit ...

Liebe hat nichts mit „es schaffen“ zu tun. Liebe ist keine Arbeit. Auch wenn wir uns angewöhnt haben, das zu glauben. Liebe ist ein Geschenk, das sich verwirklicht, wenn es sich spürend entfalten darf. Ich kann Liebe nicht herbeiführen, sie nicht machen. Aber ich kann spüren, ob ich dich spüre. Ob es das ist, was ich „will“ – „will“ im Sinne von: Ob es das ist, wohin es mich zieht. „Finden“, „ziehen“ – das sind nur scheinbar passive Zustände. In Wirklichkeit sind es hoch geöffnete, sich selbst empfangende Vibrationen, die uns in einen Raum finden lassen, der weit über alles hinausgeht, was wir uns vorstellen und was wir uns „so schön ausmalen“ können. Dieser Raum ist direkt an sich angeschlossen.

 

Hier wird nicht diskutiert und nicht gerätselt. Hier werden keine Verabredungen und Abmachungen getroffen. Hier ist das Gefühl mit sich selbst allein. Und nur wenn das Gefühl mit sich allein ist, kann es sich unmittelbar beantworten. In dieser Selbstberührung. – Und damit hört der Übergriff auf. Der einzig in einem Nichthören und einem Nichtspüren, der einzig in einem Wollen besteht, das den anderen nicht spürt und damit „übersieht“.

 

Öffnung kann nicht hergestellt werden ...

Es bedarf einzig der Öffnung. Und diese Öffnung kann nicht erzwungen werden. Sie kann nicht hergestellt werden. Das ist der alles entscheidende Punkt. Der Punkt, der Dich für Dich und damit für die Liebe bereit macht. – Liebe ist frei davon, haben zu wollen. In ihr wird alles zum Geschenk. In ihr ist alles ein Geschenk! Du schenkst Dich mir, indem Du Dich fühlst! – So „geht“ Liebe! Wenn Du Dich wirklich spüren kannst, kann ich alles von Dir „haben“. Alles, was Du in diesem Zusammensein fühlst. Weil es von selbst zwischen den Polen fließt. Damit ist dieses „Haben“ etwas vollkommen anderes als das, was wir aus der Verbindungslosigkeit heraus voneinander „haben wollen“. Jetzt will ich nicht mehr von Dir haben, was ich so dringend benötige – und allein deshalb niemals bekommen werde! Nein, jetzt bin ich bereit, uns in diesem Zusammensein zu erleben. Und damit beginnt sich die Verbindung zu vertiefen und selbst zu führen. In dieser Berührung kann keiner draußen bleiben.

 

Jetzt befinden wir uns in einem gemeinsamen Raum, der sich von zwei Seiten her spürt. In diesem Raum „erleben“ sich keine Objekte, weil Objekte sich nicht erleben können. In diesem Raum spürt sich das, was zwischen uns fließt. In diesem Raum sind wir vollkommen hilflos. Und wach. Präsent. Nicht angestrengt präsent, nicht beobachtend und aufpassend, sondern nur präsent. In der Präsenz finden sich die wahren Berührungen von allein. Hier öffnet es sich für sich selbst. So weit, wie es der Wirklichkeit des Augenblicks – und damit der Wirklichkeit zwischen uns entspricht. Damit ist dieser Raum der Raum der tiefsten Berührung und der höchsten Lust. Es ist der Raum, der sich als Wirklichkeit zwischen uns eröffnet. Darin gibt es keinen Plan, sondern nur die Unmittelbarkeit des sich selbst Folgens.

 

Hier spüre ich Dich als lebendigen Mensch

Dieser Raum ist still und weit. Er ist so still und weit, dass sich darin alles zeigen darf. Scham, Angst, Schmerz, Tränen, ein Berührtsein, dass keiner Worte mehr bedarf ebenso wie ekstatische Lust, wenn es zu ihr kommt. In diesem Raum gibt es keine Regeln. Hier kann ich nichts falsch und nichts richtig machen. Darin gehen wir auf – und ineinander über. In diesem „nichts-falsch-machen-und-dabei-alles-spüren-dürfen“. In diese Öffnung hinein wird alles geboren, was sich erleben will. Alles, was in Wirklichkeit Sehnsucht nach sich hat und in diesem Augenblick an die Oberfläche „drängt“.

 

Hier spüre ich Dich als lebendigen Mensch – und Du mich. Hier erleben wir, was Berührung als Wirklichkeit bedeutet, indem wir uns dem Leben überlassen. Und wenn wir es dem Leben überlassen, dann geht es auf. Dieses Leben. In Liebe.

 


Ergriffen ...


© Ben Hollenbach

Reine Wahrnehmung.

Berührt. Sich selbst.

Nicht: Wer bist Du?

Und nicht, warum?

 

Berührtsein.

Ist die Sprache, die keiner anderen Sprache bedarf.

Niemand da, der erst noch extra verstehen muss.

 

Was? – WAS?!

 

So groß, die Angst.

Vor wahrer Berührung.

Und so groß die eingebildete Sehnsucht danach.

 

Angst und Sehnsucht.

Bilden ein in sich eingekapseltes Wesen aus.

Das von seiner Erlösung träumt.

Dem es immer wieder genügt,

von seiner Erlösung zu träumen.

Die es für das eingebildete Wesen nicht geben kann.

 

Die erlösende Berührung fließt als Wahrnehmung.

Die unaufhörlich in sich selbst hinein verklingt.

Und keine Opposition zu sich kennt.

Damit ist die reine Wahrnehmung

der Raum der wahren Vereinigung.

 

So direkt, dass niemand auf die Idee kommt,

sich davonzustehlen,

um sich wieder nur etwas anderes vorzustellen ...

 



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